Die Platte als Zeiteinheit

Früher hatte ich drei Werkgruppen, die mir wichtig waren. Das eine waren meine Kleider, das andere waren meine etwa 6 Schälchen, aus denen ich gegessen hab, und das dritte waren meine Platten und mein Plattenspieler. Meinen Kunstkram zähle ich nicht mit, der war im Atelier.

Ich hatte so viel, dass ich in einem kleinen Golf umziehen konnte, und ich bin sehr oft umgezogen. Musik war damals sehr wichtig. Und meine Kleider. Ich bin von der einen WG in die nächste gezogen, da war der restliche Hausstand schon vorhanden. Den Plattenspieler hab ich nie aufgegeben.

Mit 25 hatte ich einen Freund, einen Musiknerd, der Boxen millimeterweise hin und her geschoben hat, damit es besser klingt. Er hat in so einem Hightech-Musikladen gearbeitet, wo Musiknerds ihre Anlagen kaufen. Der Laden ist insolvent gegangen, und er hat mir einen sehr hübschen Verstärker (ein Metallgehäuse mit 3 Knöpfen), einen Plattenspieler und Boxen mit sehr dicken Kabeln (die Boxen sind leider inzwischen kaputt, die dicken Kabel hab ich noch) organisiert, die ich für wenig Geld gekauft hab.

Vor ein paar Tagen hab ich mit meiner Tochter diesen Plattenspieler wieder aufgebaut. Die Boxen sind inzwischen nicht mehr so gut, aber sie stehen jetzt hier in dem großen Raum und daneben meine ganzen alten Platten, die nach Keller riechen.

Jetzt sitze ich hier und höre Musik, und es ist etwas völlig anderes, als wenn man einfach nur übers Handy oder über Spotify hört. Man hört eine Seite von Anfang bis Ende durch. Die Platte knackt, weil sie schon so alt ist und weil sie so dreckig ist. Es gibt Lieder, die mag man nicht so gerne, ich höre sie trotzdem, weil sie dazugehören. Bei den meisten Liedern kann ich mitsingen. Eine bewusst erlebte Zeit, und nach 20 Minuten ist die Seite zu Ende, und dann muss man sich überlegen, was man als Nächstes hören will.

Das ist ein schönes Gefühl.

In meiner Kindheit und Jugend waren Platten Schätze. Die erste Platte, die ich besessen habe, habe ich von meiner Oma, der Mutter meiner Mutter, zum 9. Geburtstag geschenkt bekommen. Das war die Moldau von Smetana. Die hab ich immer noch.

Mit 14 habe ich bei meinen Eltern eine Bossa-Nova-LP gefunden. Die hatte mein Vater meiner Mutter geschenkt, die fand sie aber langweilig. Die Bossa-Nova-Platte war für mich wie das Eintauchen in eine neue Welt. Mit meinem Bruder habe ich die Liebe für diese Musik geteilt. Er hat diese Platte mitgenommen.

Meine Mutter hat viel Musik gehört, oft in der Küche. Sie hat mir Texte übersetzt, zum Beispiel Gilbert Bécaud, „Nathalie“. Das hat mich so fasziniert, dass ich unbedingt nach Moskau fahren wollte. Die Stadt, wo man nicht einfach so hinfahren darf. Das Lied mag ich heute noch und habe es oft meinen Kindern vorgespielt.

Auch ein Lied, das „Parole“ hieß – die Sängerin hieß, glaube ich, Dalida – fand sie gut. Warum genau, hab ich erst später verstanden.

Aus Spaß hab ich mir überlegt: Wenn ich jetzt noch 30 Jahre lebe, wie viele Platten kann ich eigentlich noch hören? Jeden Tag 2 Platten à 40 Minuten? 21.900 Platten.

Früher, wenn ich Platten gekauft hab, bin ich in einen Laden gegangen, das war in den 80ern, und hab mir einen Kopfhörer ausgeliehen und die Platten dort durchgehört, hab mich treiben und überraschen lassen und dann die eine oder andere gekauft.

Das war viel Geld für mich, und es war wie ein kleiner Schatz, den ich immer mit mir rumgetragen hab, wenn ich umgezogen bin.

Später in den 90ern ging das dann noch einfacher. Die CDs hab ich aber zum großen Teil nicht mehr, weil ich keinen CD-Player mehr habe. Ein paar von meinen alten Musikkassetten dagegen schon. Solche, die wir uns gegenseitig gemixt haben, mit bemalten Hüllen. Aber einen Kassettenrecorder hab ich nicht mehr.

Die Platten sind lange im Keller gewesen und jetzt sind sie wieder hier. Sie riechen nach Keller. In einer Hülle habe ich eine Ausschreibung gefunden: „Dritter Wettbewerb um den Graphikpreis der Stadt Bietigheim-Bissingen, Linolschnitt Heute“. Da hab ich, glaub ich, mitgemacht, aber nix gewonnen.

Jetzt sitze ich hier und höre.

Jede Platte ist eine Zeiteinheit. Geschenkte Zeit.

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