
Mein Nachbar geht viel ins Theater.
Wenn er in Berlin ist, fragt er manchmal mich, ob ich mitkommen möchte. Dafür gieße ich gelegentlich eine Pflanze bei ihm oder hole den einen oder anderen Brief aus seinem Briefkasten.
Diesmal: Castorf.
Ich hatte noch nie ein Stück von Castorf gesehen und war neugierig. Endlich würde ich erfahren, was das eigentlich genau ist: Castorf.
Vorher hieß es, das Stück dauere fünf Stunden.
Fünf Stunden fand ich schon beachtlich. Aber gut. Andere Leute fahren fünf Stunden mit dem Zug irgendwohin. Man kann auch fünf Stunden im Theater sitzen.
Ich fuhr also mit dem Fahrrad hin.
Dann stellte sich heraus: Das Stück dauert sechseinhalb Stunden.
Sechseinhalb Stunden sind fast ein Arbeitstag.
Die ersten drei Stunden waren überhaupt kein Problem. Es war interessant, gut gemacht, klug konzipiert. Es gab viel zu sehen, Filme, Schauspiel, große Bilder und Fragen, die in den Raum gestellt wurden, ohne einem gleich die passende Antwort hinterherzuwerfen.
Dann kam die Pause.
Danach ging es weiter.
Nach vier Stunden dachte ich zum ersten Mal: Es ist schon ein bisschen lang.
Nach fünf Stunden wusste ich nicht mehr, wo ich meine Füße hintun sollte.
Nach sechs Stunden dachte ich: Jetzt wird es knapp.
Ich war an dem Punkt angekommen, an dem man nicht mehr über das Stück nachdenkt, sondern über Fluchtwege. Wie auffällig wäre es, jetzt aufzustehen? Müssen dann alle Leute in meiner Reihe aufstehen? Was denkt mein Nachbar? Und kann man nach sechs Stunden wirklich noch gehen, wenn man schon so viel geschafft hat?
Ich blieb sitzen.
Auch, weil ich mich nicht traute zu gehen.
Irgendwann war es tatsächlich vorbei.
Ich hatte es geschafft.
Sechseinhalb Stunden Castorf.
Ich war richtig stolz auf mich.
Während ich allerdings meine Füße von einer Position in die nächste schob, fiel mir etwas anderes auf.
Castorf ist ja nun auch nicht mehr zwanzig. Er ist sogar ein bisschen älter als ich. Umso mehr beschäftigten mich irgendwann die Frauenbilder auf der Bühne.
Hohe Schuhe. Vor allem: sehr hohe Schuhe.
Und während auf der Bühne die großen Fragen verhandelt wurden, beschäftigte mich zunehmend eine ganz andere:
Was machen die eigentlich, wenn eine von denen Hallux hat?
Ich habe Hallux.
Vielleicht war ich deshalb besonders empfänglich für dieses Thema. Jedenfalls sah ich irgendwann nicht mehr nur eine Schauspielerin auf hohen Schuhen, sondern einen Vorderfuß in akuter Gefahrenlage.
Wie läuft man damit über eine Bühne? Und warum müssen Frauen eigentlich immer noch so oft auf hohen Schuhen stehen? Warum haben die Männer keine Stöckelschuhe an? Vielleicht, weil sie zu große Füße haben?
Könnte man ja auch anfertigen, eigentlich.
Die Schauspielerinnen liefen natürlich nicht sechseinhalb Stunden auf diesen Schuhen herum. Es gab viele Filme. Die Füße hatten also vermutlich Pausen.
Und der Abend war wirklich gut. Interessant, bildstark, klug gebaut. Er hat Fragen aufgeworfen, ohne mir vorzuschreiben, was ich darüber denken soll. Ich bin froh, dass ich mitgegangen bin.
Als ich nach sechseinhalb Stunden wieder auf mein Fahrrad stieg, hatte ich trotzdem das Gefühl, einen Arbeitstag hinter mir zu haben.
Das war also Castorf.
Irgendwie fand ich es mutig. So ein langes Stück.
Und niemand hat sich getraut zu gehen.
Keine schwachen Blasen, keine Kulturbanausen.
Hut ab!