Corporate Desperation – die neue Corporate Identity

Graues Licht, Kaffeetasse halb leer. Der Rechner surrt, als müsse er sich selbst Mut zusprechen.
Ich sitze davor.
Tabs offen: Portfolio aktualisieren, neue Kund:innen gewinnen, Steuern Q3.
Die Luft riecht nach abgestandener Motivation.
Ich klicke.
Werbung für Fonts, Rabatt auf Stockbilder, ein Newsletter von jemandem, den ich nie abonniert habe.
Dann:
Hallo, wir hoffen, es geht Ihnen gut.
Wir sind Patrick und Frances Connolly.
Wir haben Ihnen einen Gewinn aus unserem Jackpot-Gewinn geschenkt.
Ich starre auf die Zeilen.
Zwischen Spam und Verheißung liegt ein Hauch von Ironie.
Vielleicht wäre das ja ein Projekt:
Gestaltung für Betrugsversuche. Corporate Identity für das Absurde.
Die nächste Mail: LinkedIn.
Du bist kreativ, strukturiert, lösungsorientiert und denkst outside the box.
Ich lese, lösche, scrolle.
Das eine klingt nach Betrug, das andere nach Bewerbungstext für Maschinen.
Irgendwo dazwischen liegt mein Berufsalltag – zwischen echtem Denken und dem Versuch, mich selbst in vorgefertigte Formulierungen zu pressen.
Vielleicht ist das ja die wahre „Corporate Identity“ unserer Zeit:
Corporate Desperation.
Die elegante Oberfläche, hinter der das Ringen um Sinn stattfindet.
Ich schließe die Mails, öffne ein neues Dokument.
Titel: Wie man Leere formatiert.
Vielleicht ist das mein Job heute.