
Ich sitze mit dem Nachbarn am Späti und trinke Bier.
Der, dem der Laden gehört, ist auch da. Mal sitzt er bei uns, mal steht er auf, weil jemand etwas kaufen will. Bier, Zigaretten, Chips, Wasser, Feuerzeug. Leute kommen, Leute gehen. Manche bleiben kurz stehen und reden mit. Andere sagen nur Hallo. Einer fährt im Porsche vor. Irgendjemand kennt irgendjemanden. So ein Abend eben.
Ich mag das.
Einfach sitzen und gucken.
Man muss nichts vorhaben.
Irgendwann reden wir über das Lux. Den Club ein paar Straßen weiter. Vielleicht fünfhundert Meter. Manchmal geht man hin, manchmal auch nicht. Wir reden über die Leute dort, über die Bedienung, darüber, wer gerade so rumläuft.
Ich frage:
„Gibt es da eigentlich auch interessante Männer?“
Der Nachbar und der, dem der Laden gehört, schauen mich an.
„Was sind denn interessante Männer?“
Dann lachen sie.
„Sollen wir uns an deinem Ex orientieren?“
„Oder an anderen Hausmeistern?“
Ich lache mit.
Und denke plötzlich: Ja, was meine ich eigentlich?
Was ist ein interessanter Mann?
Was ist überhaupt mein Typ?
Mit 62 könnte man meinen, man hätte das inzwischen herausgefunden.
Habe ich aber nicht.
Vielleicht habe ich auch gar keinen Typ.
Vielleicht ist es ja eine Frau.
Vielleicht ist es überhaupt Quatsch, vorher festzulegen, ob es ein Mann oder eine Frau sein soll.
Vielleicht geht es einfach um einen Menschen.
Aber was will ich von diesem Menschen?
Berührung?
Gespräche?
Sex?
Zusammen verreisen?
Zusammen eine Bratwurst essen?
Sonntagmorgen Kaffee trinken?
Oder jemanden, mit dem ich auch einfach auf einem Plastikstuhl vor einem Späti sitzen kann und nichts weiter passiert?
Und wie nah soll so ein Mensch kommen?
Will ich noch einmal mit jemandem zusammenwohnen?
Will ich wirklich noch einmal darüber reden, wer einkauft, wer den Müll runterbringt und wer das Klo putzt?
Vielleicht möchte ich jemanden lieben, aber nicht seine Socken einsammeln.
Vielleicht möchte ich Nähe und trotzdem meine eigene Wohnung.
Vielleicht möchte ich jemanden, der kommt und auch wieder geht.
Nicht aus Unverbindlichkeit.
Sondern weil zwei Leben nicht unbedingt zu einem einzigen Haushalt zusammengeschoben werden müssen.
Mit 62 ist da außerdem diese andere Sache.
Die Zeit.
Die war früher einfach da.
Heute denke ich öfter daran, dass sie begrenzt ist.
Der Körper fängt an, Buch zu führen. Hier etwas, da etwas. Sachen, die nicht mehr ganz so gut funktionieren. Verschleiß.
Vielleicht habe ich noch sehr viel Zeit.
Vielleicht nicht.
Das weiß niemand.
Mit meiner Tochter rede ich oft über den Tod.
Wir überlegen, wo ich einmal begraben werden könnte.
Auf dem Bergmann-Friedhof vielleicht.
Wir reden sogar darüber, wo ich sterben könnte.
Sie sagt:
„Vielleicht auf dem Tagesbett.“
Ich sage:
„Ja. Das wäre schön.“
Dann sagt sie:
„Oder draußen auf dem Sofa auf der Terrasse.“
Und ich stelle mir vor, wie die Leute vorbeikommen.
„Hallo Ursula, was machst du denn da?“
„Ich sterbe gerade.“
Wir lachen darüber.
Ich finde das gar nicht makaber.
Vielleicht ist es eher beruhigend, den Tod schon mal irgendwo hinzusetzen.
Nicht immer nur ins Krankenhaus.
Nicht in irgendeinen unbekannten Raum.
Sondern aufs Tagesbett.
Oder auf die Terrasse.
Nebenbei reden wir auch darüber, wie es einmal mit dem Kater sein soll, wenn er stirbt. Meine Tochter möchte, dass er bei ihr liegt.
Es sind seltsame Gespräche.
Und sehr normale.
Vielleicht hängt das alles zusammen.
Die Frage nach einem interessanten Menschen.
Die Frage nach Nähe.
Die Frage nach dem Körper.
Die Frage danach, wer da ist, wenn das Leben nicht mehr nur aus Bier, Clubs, Arbeit und Reisen besteht.
Vielleicht suche ich gar keinen Mann.
Vielleicht suche ich auch keine Beziehung.
Vielleicht möchte ich einfach noch Menschen treffen, mit denen etwas passiert.
Etwas Kleines reicht schon.
Ein Gespräch.
Ein Blick.
Eine Berührung.
Eine Bratwurst.
Ein Abend am Späti.
Der, dem der Laden gehört, kommt wieder raus und setzt sich.
Der Nachbar erzählt irgendetwas.
Jemand hält mit dem Fahrrad.
Einer kauft Bier.
Ich trinke meins aus.
Und denke: Eigentlich muss ich die Frage heute gar nicht beantworten.