Die Entscheidung sitzt unter dem Tisch
Die Sitzung beginnt um zehn.
Auf dem Tisch stehen Wasser, Kaffee und drei Schalen mit Keksen.
Niemand nimmt einen Keks.
Auf der Tagesordnung steht:
Punkt 4: Entscheidung
Mehr nicht.
Frau K. fragt:
„Worüber entscheiden wir eigentlich?“
Herr B. blättert in seinen Unterlagen.
„Das müsste aus dem Protokoll vom letzten Mal hervorgehen.“
Alle schauen zum Protokoll.
Das Protokoll sagt nichts dazu.
Es enthält dafür den Satz:
„Es bestand grundsätzlich Einigkeit über das weitere Vorgehen.“
„Dann waren wir uns doch einig“, sagt Herr B.
„Worüber?“, fragt Frau K.
Stille.
Jemand nimmt einen Keks.
Nach zwanzig Minuten wird vorgeschlagen, zunächst die unterschiedlichen Perspektiven zu sammeln.
Auf dem Flipchart erscheinen:
A
B
C
Unter A steht:
so wie bisher
Unter B:
anders
Unter C:
noch offen
Herr B. betrachtet das Flipchart.
„Das hilft.“
Alle nicken.
Dann fragt jemand:
„Wo ist meine Position?“
Es ist nicht ganz klar, wer gefragt hat.
Um elf Uhr befindet sich die Entscheidung offiziell im Raum.
Niemand kann sie sehen.
Frau K. schaut unter den Tisch.
„Da ist sie auch nicht.“
Der Praktikant lacht.
Niemand sonst.
Jetzt werden Argumente gesammelt.
Für A sprechen vier Punkte.
Für B sechs.
Für C gibt es keine Argumente, dafür aber ein starkes Gefühl.
„Gefühle gehören hier eigentlich nicht rein“, sagt Herr B.
Das starke Gefühl bleibt trotzdem sitzen.
Es bekommt keinen Stuhl.
Kurz vor zwölf sagt Frau K.:
„Vielleicht reden wir über verschiedene Dinge.“
Daraufhin entsteht zum ersten Mal Unruhe.
Denn bisher hatte man angenommen, dass alle über dasselbe reden.
Eine Pause wird beschlossen.
Das ist die erste einstimmige Entscheidung des Tages.
Nach der Pause sind die Kekse fast weg.
Auf dem Flipchart stehen inzwischen Pfeile, Kreise, Fragezeichen und ein Rechteck, dessen Bedeutung niemand mehr kennt.
Herr B. zeigt darauf.
„Das da finde ich wichtig.“
„Das Rechteck?“
„Nein, den Zusammenhang.“
Alle schauen auf den Zusammenhang.
Er ist schwer zu erkennen.
Um halb eins schlägt jemand vor, die Entscheidung zu vertagen.
Frau K. sagt:
„Dann entscheiden wir heute also, nicht zu entscheiden.“
Herr B. schüttelt den Kopf.
„So würde ich das nicht formulieren.“
Es folgt eine Diskussion über die Formulierung.
Am Ende steht im Protokoll:
„Die weitere Befassung mit dem Thema wurde einvernehmlich in einen geeigneten zeitlichen Zusammenhang überführt.“
Alle sind zufrieden.
Fast.
Beim Hinausgehen bleibt Frau K. noch einmal stehen.
Unter dem Tisch liegt ein zerknüllter Zettel.
Sie hebt ihn auf.
Darauf steht:
Eigentlich will das niemand.
Sie steckt den Zettel ein.
Draußen scheint die Sonne.